Ein Wochenende in Göteborg

In Göteborg findet jedes Jahr die Buchmesse Bok & Bibliotek statt, zu der nicht nur alle skandinavischen, sondern auch viele ausländische Verlage anreisen. Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse ist die Bok eine Messe für Leser: An jedem Messestand können die Bücher, die einen interessieren, direkt gekauft werden, häufig mit einem deutlichen Rabatt gegenüber dem empfohlenen Preis.

Schweden ist ein Land ohne Buchpreisbindung. Über die Vor- und Nachteile wird immer wieder heftig diskutiert, aber fest steht, dass zumindest die Leser davon profitieren, denn sie zahlen weniger für die Bücher. Entsprechend groß war auch der Andrang zur Messe. Die Messegebäude liegen nahe der Innenstadt, sind also gut zu Fuß zu erreichen. Das Wetter war sonnig, wenn auch herbstlich-frisch, und als ich am frühen Nachmittag mit dem Bus vom Flughafen in die Stadt einfuhr, sah ich bereits die langen Schlangen vor den Eingängen.

Nun ist Messe nicht so mein Ding, wenn es denn nicht unbedingt sein muss, und deshalb beschloss ich, mir bei dem schönen Wetter lieber die Stadt anzugucken. Die Durchschnittstemperatur im Sommer beträgt hier nicht mehr als 20 Grad, und so war es kein Wunder, dass an diesem verhältnismäßig milden Herbsttag alle Plätze in den zahlreichen Straßencafés in der Sonne gefüllt waren.

Viel Wasser und Grün in der Innenstadt.

 

Café auf der "Avenue", das nicht ganz so beliebt war, weil im Schatten.

Göteborg ist eine Stadt vom Reißbrett, entworfen von deutschen und niederländischen Architekten. Das merkt man auch. Fast alle Straßen der Innenstadt sind, von ein paar Ausnahmen abgesehen, breit, die Plätze groß, die Gebäude streng und mächtig. Zudem wird die Innenstadt immer wieder von großen Parks unterbrochen. Es ist also keine „gemütliche“ Stadt mit vielen schmalen Gässchen, sondern eher ein Ort zum Promenieren, und sobald die Zahl der Passanten nachlässt, fühlt man sich auf den Boulevards schnell ein wenig verlassen.

Auch an einem schönen Herbsttag sieht die Stadt schnell düster aus.

Lediglich am Ende der „Avenue“, wie die Göteborger ihre breite Haupteinkaufsstraße nennen, entdeckte ich ein paar kleinere Gassen, die aber allesamt unbelebt waren und auch vorwiegend aus Neubauten bestanden.

Gähnende Leere in den Nebenstraßen.

Nach ein paar Stunden bin ich dann zu Fuß in mein Hotel marschiert, das am Rand der Innenstadt in einem Viertel aus Fabrikbauten und Sozialwohnungen lag, nur wenige Meter von der Autobahn entfernt. Mein Fenster ging zum Glück auf eine Nebenstraße.

Der Blick aus meinem Hotelzimmer.

Abends war ich dann noch mit der Mitarbeiterin von arsEdition, die man zu meiner Betreuung „verdonnert“ hatte (sie leitet die Lizenzabteilung des Verlages und hat die Fotos hier gemacht, auf denen ich zu sehen bin – vielen Dank dafür, Frau Schaaf de Lavado) in einem netten Lokal am Wasaplatz essen, der, zumindest nachts, so eine Art Szeneviertel zu sein scheint. Jedenfalls gab es dort etliche Kneipen und Restaurants, und es war reichlich Betrieb auf den Gehwegen. Fast im Minutenabstand ratterten die blau-weißen Straßenbahnen vorbei und spuckten neue Nachtschwärmer aus.

Der Sonntag war dann der Tag meines Auftritts auf der Buchmesse. Die deutschen Verlage, die zur Bonnier-Gruppe gehören, hatten einen Gemeinschaftsstand, in dessen Mitte aus Büchern ein „Kunstwerk“ aufgebaut war, das die deutsche Flagge darstellen sollte.

Vor dem schwarz-rot-goldenen Gebilde am deutschen Bonnier-Stand.

Meine Lesung war für kurz vor Zwölf auf der Bühne von Internationella Torget im ersten Stock angesetzt. Hier war es etwas ruhiger als unten in der Haupthalle, wo an zahlreichen benachbarten Ständen Autoren gegeneinander anlasen. Ich war in der merkwürdigen Situation, ein deutsches Jugendbuch einem erwachsenen schwedischen Publikum auf Englisch vorstellen zu müssen, was mir bei der Vorbereitung einige Kopfschmerzen bereitet hatte.

Bei meinem Vortrag.

Vor Ort schmiss ich dann alle Notizen über Bord und erzählte einfach zwanzig Minuten frei und vielleicht auch ein bisschen ungeordnet von den Geheimnissen der alten europäischen Städte, die Arthur und Larissa erkunden müssen.

Das freie Improvisieren kam ganz gut an.

Anschließend habe ich mir noch die Messe angesehen (sofern ich durch die Massen durchkam), aber meine Freude über die vielen Bücher wurde dadurch getrübt, dass ich leider kein Wort Schwedisch verstehe (außer dem Gruß Hej! und dem Wort für danke: tak).

Weil draußen wieder die Sonne schien, habe ich mir ein schönes Straßencafé gesucht und dann einen Abstecher ins Kunstmuseum gemacht, wo eine Aussstellung von Jan Lööf zu sehen war, einem schwedischen Zeichner, dessen Bücher ich als Kind gern gelesen habe.

Nach einem weiteren ausgiebigen Bummel durch das Wasaviertel mit seinen Galerien und Cafés bestieg ich dann den Bus zurück zum Flughafen – leider zu früh, denn der Flieger nach Düsseldorf hatte zunächst eine Stunde Verspätung, und als wir alle an Bord waren, ließ uns die Flugsicherung nicht starten. Zum Glück waren wir nicht mehr als vierzig Passagiere in einem Airbus, so hatte jeder eine Reihe für sich und das Warten war erträglich.

Um Mitternacht war ich dann wieder zuhause – mit einer neuen Buchidee im Kopf, in der auch Göteborg eine Rolle spielt. Mal sehen, was draus wird …