Der unveröffentlichte erste Prolog zu „Assassino“

Der nachfolgende Text wurde von mir ursprünglich für meinen Roman „Assassino“ geschrieben, dann aber von mir gestrichen. Das Urheberrecht für diesen Text liegt ausschließlich bei mir, und jegliche Reproduktion ohne meine Zustimmung ist nicht gestattet.
Gerd Ruebenstrunk (www.ruebenstrunk.de, www.blogota.de)

Du kannst den Prolog auch als PDF-Datei auf Deinen Rechner laden.

Prolog

Manche Friedhöfe gehören nicht nur den Toten.
Sondern auch den Lebenden.
Wie die Nekropolis von Kairo, die von mehr als einer halben Million Menschen bewohnt wird.
In dieser schwülen Nacht waren noch ein paar weitere Gestalten auf dem endlosen Gelände unterwegs, darunter zwei junge Männer in dunkler Kleidung, die eindeutig als Europäer zu erkennen waren. Ihr Führer war ein ärmlich gekleideter Ägypter, der eine brennende Fackel in der Hand trug.
„Was für ein Drecksloch“, schimpfte der eine der beiden Europäer, der seinen Begleiter um einen halben Kopf überragte. Er trug eine Baseballkappe und hustete wegen der Rauschwaden von den offenen Feuern, auf denen Brot gebacken oder Eintopf gekocht wurde. Neben den Feuerstätten saßen alte Männer und spielten Domino, während die Frauen sich um die Kessel scharten. „Wieso müssen wir uns ausgerechnet hier mit ihm treffen?“
„Weil dieser Ort offiziell gar nicht existiert, Sidhi, und es deswegen auch keine Polizei hier gibt“, erklärte der Führer.
„Aber wer kommt auf die Idee, auf einem Friedhof zu wohnen?“
„Viele Menschen in Kairo haben kein Geld für eine Wohnung, Sidhi. Aber dann fällt ihnen ein, dass ihre Familie ein Haus besitzt, denn in Kairo werden die Verstorbenen nicht begraben, sondern über der Erde in Häusern beigesetzt. Also errichtet man auf der Ruhestätte vier Wände und ein Dach, und schon hat man ein eigenes Haus, für das man nicht einmal Miete zahlen muss.“
„Es ist trotzdem pervers. Im Keller rotten die Toten vor sich hin, und oben drüber haust die lebende Verwandtschaft, ohne Strom und ohne Wasser.“
„Oh, Strom gibt es schon, Sidhi.“ Der Führer reckte die Fackel in die Luft, wo zwischen zwei Häusern ein Kabel die Gasse überspannte. „Nicht ganz legal, aber dafür ebenfalls umsonst.“
Sie kamen an einer Moschee vorbei, deren Eingang von Fackeln beleuchtet wurde, und bogen in eine weitere Gasse ein, in der die Grabgebäude zu beiden Seiten bis zu drei Stockwerke hoch waren. Aus den Fenstern drang das flackernde Licht von Kerzen, und hier und da hörte man ein Kofferradio plärren.
„Na, inzwischen gibt man sich mit einer Etage offenbar nicht mehr zufrieden“, brummte der hochgewachsene Europäer.
„Die Not ist groß, Sidhi“, sagte der Führer. Eine Gruppe johlender Kinder spielte im Schatten eines zerbröckelnden Grabgebäudes mit einer Blechdose Fußball, und von irgendwoher vernahmen sie das Knattern eines Mopeds.
„Brauchen wir noch lange?“, fragte der Kleinere der beiden.
„Nur noch ein paar Meter, Sidhi.“ Der Führer lotste sie über einen kleinen Platz, der von unbewohnten Grabmälern umringt war, zu einem steinernen Säulengang. Vor einem mannshohen Gittertor blieb er stehen.
„Wir sind da“, erklärte er.
„Und warum nur wir und sonst niemand?“, quengelte der große Fremde. „Wo ist der Verkäufer?“
Der Führer zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, Sidhi. Ein wenig Geduld, er wird schon kommen.“
„Geduld, Geduld.“ Der Mann schlug mit der flachen Hand gegen eine der Steinsäulen. „Kein Wunder, dass ihr es hier zu nichts bringt in diesem Land!“
Der Kleinere legte seinem Begleiter begütigend die Hand auf den Arm. „Wir sind kurz vor unserem Ziel. Was kommt es da auf eine Minute mehr oder weniger an?“
„Sehr weise gesprochen“, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit hinter dem Gitter. Der Führer hielt seine Fackel näher heran, und sie sahen einen hageren Mann, der eine knöchellange schwarze Djellaba und einen hellen Turban trug. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, und ein grauer, sorgsam gestutzter Bart umrahmte seine dünnen Lippen.
„Ismail Bey?“, fragte der Größere.
Der Neuankömmling nickte. „Wer Sie sind, weiß ich. Jetzt warten wir nur noch auf die andere Partei.“
„Welche andere Partei?“, entfuhr es seinem Gegenüber. „Ich dachte, wir wären uns einig.“
„Dies ist eine Auktion“, lächelte Ismail Bey. „Und dafür benötigt man immer mehrere Bieter, sonst wäre es ja keine Versteigerung.“
„Niemand hat uns etwas von einer Auktion erzählt! Das ist gegen die Abmachung!“
„Mangelt es Ihnen etwa an Mitteln? Nein? Dann müssen Sie sich doch gar nicht so erregen“, erwiderte Ismail Bey ungerührt.
„Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen“, beschwichtigte der Kleinere seinen Freund. „Lass uns einfach unsere Chance nutzen!“
„Ich will keine Chance, ich will den Dolch!“
„Sieh an, die werte Konkurrenz“, sagte eine Stimme in ihrem Rücken. Die beiden jungen Männer fuhren herum. Dort standen ein Mann und eine Frau, beide nicht viel älter als sie, ebenfalls von einem Führer begleitet. Jener war allerdings ein alter Mann, doch immerhin trug er statt einer Fackel eine batteriebetriebene Campingleuchte in der Hand.
„Nun, dann können wir ja beginnen.“ Ismail Bey klatschte in die Hände, und aus dem Dunkel hinter ihm trat ein zweiter Mann, der einen flachen Holzkasten in den Händen trug. Er öffnete ihn und hielt ihn an das Gitter, sodass die Männer auf der anderen Seite den Inhalt sehen konnten.
„Bitte sehr. Der Dolch von Aššur-nāṣir-apli“, verkündete Ismail Bey.
Die vier Bieter traten heran, um die Waffe, die in einem Futteral aus Samt lag, näher zu betrachten. Der Kleinere der beiden Erstankömmlinge streckte die Hand aus, aber sofort klappte der Träger die Schatulle zu.
„Wir haben genug Zeit verschwendet“, sagte Ismail Bey. „Ich darf um Ihre Gebote bitten.“
„Woher wissen wir, dass der Dolch auch echt ist?“, protestierte der Größere.
Die Augen des Turbanträgers blitzten im Schein der Fackel. „Ich bin Ismail Bey. Mein Wort zählt. Wenn Sie es infrage stellen, dann haben Siesich den falschen Geschäftspartner ausgesucht. Die Gebote!“
„Fünftausend“, begann der Mann, der mit der Frau gekommen war, ohne Zögern.
„Sechs“, konterte der größere der beiden anderen Männer.
„Sieben.“
„Acht.“
Als sie bei zwanzigtausend angekommen waren, bat der Kleinere um eine kurze Unterbrechung und zog seinen Freund beiseite.
„Wir sind fast am Ende“, flüsterte er.
„Das weiß ich“, zischte sein Begleiter. „Aber ich werde einen Teufel tun und diesem Burschen den Dolch überlassen.“ Seine Züge waren vom Hass verzerrt. Sein Freund erschauerte, denn im flackernden Schein der Fackeln, das sein Gesicht mit einem Muster aus Licht und Schatten überzog, sah er fast so aus wie einer der Toten, die sich aus ihrem Sarg erhoben hatten, um sich an den Lebenden zu rächen.
„Wenn wir nicht mehr mitbieten können, sind wir raus.“
„Darum kümmere ich mich schon. Du weißt, was wir besprochen haben.“
Sie kehrten zu den Anderen zurück. Drei Minuten später war die Auktion vorbei. Für dreißigtausend Dollar erhielt das Pärchen den Zuschlag.
„Tut mir leid“, sagte der junge Mann, während seine Begleiterin ein Geldbündel nach dem anderen aus ihrer Tasche zog und ihm aushändigte. Er schob den Packen durch das Gitter, wo es ein weiterer Mann, der aus dem Schatten aufgetaucht war, in Empfang nahm und zählte. Als er befriedigt nickte, reichte sein Begleiter die Schatulle mit dem Dolch nach draußen. Sofort griff die Frau danach und riss sie an sich.
„Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.“ Ismail Bey deutete eine leichte Verbeugung an. „Wenn Sie erneut meine Dienste benötigen, dann wissen Sie, wo Sie mich finden können.“
Die beiden Erstankömmlinge hatten das Geschehen wortlos aus dem Schatten der Säulen heraus verfolgt. Die Frau war gerade dabei, die Schatulle in ihre Tasche zu stecken, als der größere Mann mit einer Pistole in der Hand auf sie zutrat.
„Tut mir leid, Schätzchen, aber du wirst das nicht mitnehmen.“
Auch sein Freund hatte eine Waffe gezogen und bedrohte damit ihren Begleiter.
„Wer hier mitspielt, muss auch verlieren können“, sagte Ismail Bey scharf. „Nehmen Sie die Waffen herunter und gehen Sie!“
„Nicht ohne den Dolch!“, rief der Größere.
Auf einmal hatte auch der Begleiter der Frau einen Revolver in der Hand, ebenso wie der Gehilfe von Ismail Bey, der eben noch die Schatulle getragen hatte. Einen Augenblick verharrten alle schweigend in dieser Position. Aus der Ferne erklang der Ruf eines Muezzins.
Dann bellten mehrere Waffen gleichzeitig auf.
Die Frau sackte zu Boden und ließ die Schatulle fallen. Ihr Begleiter bückte sich danach, aber eine Kugel durchbohrte sein Bein und brachte ihn ebenfalls zu Fall. Der Kleinere der zwei Auktionsverlierer starrte entsetzt auf seine blutende Hand, in der er eben noch die Waffe gehalten hatte. Sein Freund lag neben der Frau auf dem Boden und feuerte in Richtung Ismail Beys. Aber der war verschwunden. Nur die Kontur seines Gefolgsmanns war im Dunkel zu erkennen. Er hatte seine Waffe fallen gelassen und hielt sich die Schulter.
Die beiden Führer waren nirgendwo zu sehen. Nur die Fackel lag am Boden und spendete ein schwaches Licht. Der Mann mit der Baseballkappe griff sich mit einer Hand den Kasten mit dem Dolch. Er gab noch ein paar Schüsse durch das Gitter ab, rollte sich zu seinem Begleiter hin und sprang auf.
„Los, weg hier!“
„Aber die Frau …“
„Willst du auch dran glauben?“ Er beugte sich nach der Fackel, die kurz vorm Erlöschen stand. „Los, komm!“
Er versetzte seinem Freund einen Stoß. Die beiden Männer rannten geduckt über den Platz und tauchten in die nächste Gasse ein.
Alles, was zurückblieb, war das Wimmern des Verletzten, der sich über seine reglose Begleiterin beugte.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *