Der unveröffentlichte zweite Prolog zu „Assassino“

Der nachfolgende Text wurde von mir ursprünglich für meinen Roman „Assassino“ geschrieben, dann aber von mir gestrichen. Das Urheberrecht für diesen Text liegt ausschließlich bei mir, und jegliche Reproduktion ohne meine Zustimmung ist nicht gestattet.
Gerd Ruebenstrunk (www.ruebenstrunk.de, www.blogota.de)

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Prolog

Die Sonne versinkt bereits hinter dem Horizont, als die Mörder die Stadt erreichen.
Die beiden Männer haben mit einer Gruppe Handelsreisender die Wüste durchquert, denen gegenüber sie sich als Studenten ausgegeben haben, die ihre Studien bei einem bekannten Gelehrten der Stadt fortsetzen wollen. Sobald sie die Stadtgrenze überschritten haben, trennen sie sich von den Kaufleuten, die in der Karawanserei einkehren, und tauchen in die Gassen der Vorstadt ein.
Sie sind ein ungleiches Paar. Der Jüngere der beiden kann kaum mehr als sechzehn Jahre alt sein. Ein erster feiner Flaum zeigte sich in seinem schmalen Gesicht. Sein Begleiter ist nur ein paar Jahre älter und trägt einen gepflegten Vollbart. Er scheint nicht zum ersten Mal in dieser Stadt zu sein, so sicher wie er den Weg durch das Gassengewirr findet.
Der Jüngere staunt über das Leben, das hier nach Einbruch der Dunkelheit noch herrscht. An fast jeder Ecke haben Händler ihr Stände aufgebaut und bieten Gemüse und Obst, Stoffe und Sandalen, Gewürze und Waffen feil. Vor den Verkaufstischen hat man lodernde Fackeln in den Boden gestoßen, die ein Muster von Licht und Schatten über das Viertel legen. Männer, Frauen und Kinder ziehen von Stand zu Stand, befingern die Waren und feilschen lautstark mit den Händlern. Über allem liegt der schwere Duft der zahlreichen Garküchen, wo auf offenen Feuern Fleisch und Gemüse gebraten, gegrillt und gesotten wird.
Der Bärtige führt seinen Begleiter zu einem kleinen Gasthof. Der Wirt, ein Hüne von einem Mann, mustert die Neuankömmlinge skeptisch. Erst als der Bärtige eine Goldmünze auf den Holztresen legt, hellen sich seine Züge auf. Ein Schankmädchen führt die beiden zu ihrer Kammer, und wenig später sitzen sie im Gastraum vor ihrem Abendessen.
Am nächsten Morgen trennen sie sich, und der Jüngere erkundet auf eigene Faust die Stadt. Sie haben noch ein paar Tage Zeit, bis sie ihren Auftrag ausführen müssen. Der Großwesir wird frühestens morgen oder übermorgen eintreffen, um die hochrangigen Gesandten der Nachbarreiche zu empfangen, doch vor dem Palast im Stadtzentrum hat bereits eine Extragarde Soldaten Stellung bezogen.
Der Jüngere geht die breiten Straßen entlang, auf denen der Großwesir in den Palast einziehen wird, und durchstreift die Nebenstraßen zu beiden Seiten, bis er die Innenstadt fast auswendig kennt. Er ist fasziniert von den vielen gut gekleideten Menschen aller Nationalitäten, dem schier unendlichen Angebot an Waren und dem ständigen Gedränge auf den Straßen.
Sein Begleiter ist erfahren in diesen Dingen, hat schon die halbe Welt gesehen. Für den Jüngeren ist alles neu. Er ist auch nur zur Sicherheit dabei, eigentlich eher als Beobachter, um von dem Bärtigen zu lernen. So wird es immer gemacht, bevor ein Novize seinen ersten eigenen Auftrag erhält.
Abends treffen sie sich wieder im Gasthof und tauschen ihre Informationen aus. Der Ältere hat in Erfahrung bringen können, dass der Großwesir in zwei Tagen eintreffen wird. Einen Tag später werden die Gesandten die Stadt erreichen. Sie werden durch das große Stadttor einreiten und von dort zu Fuß zum Palast gehen, von wo ihnen der Großwesir, ebenfalls zu Fuß, entgegen kommen wird.
Am Morgen des dritten Tages stehen die Mörder in der Menge, die den kleinen Platz säumt, auf dem der Großwesir die Gesandten treffen wird. Ihre wenigen Habseligkeiten haben sie im Gasthof zurückgelassen; wenn alles gut geht, werden sie die Stadt direkt verlassen und im nächsten Ort alles Notwendige für die Rückreise kaufen. Und wenn nicht, dann benötigen sie eh keine irdischen Güter mehr.
Der Bärtige steht vor seinem Begleiter in der ersten Reihe. Der Jüngere weiß, dass er unter seinem Gewand den langen Dolch bereithält, um ihn dem Großwesir ins Herz zu stoßen. Seine Aufgabe ist es, danach für genügend Verwirrung zu sorgen, damit sein Partner unbehelligt entkommen kann.
Aber auch er trägt ein Messer an seinem Gürtel, und falls der Ältere scheitern sollte, muss er die Aufgabe vollenden. Einerseits hofft er, dass es nicht dazu kommen wird; andererseits wünscht er sich, seinem Meister zu beweisen, dass er ein Mann ist, dem man vertrauen kann.
In die Menge kommt Bewegung. Ein Trupp Fußsoldaten taucht auf und drängt die Menge mit langen Speeren an den Rand des Weges. Erste Hochrufe ertönen, und dann taucht der Großwesir auf. Er trägt einen farbenfroh bestickten Mantel, der ihm bis zu den Füßen reicht, die in goldenen Pantoffeln stecken. Hinter ihm folgen die Träger mit der Sänfte und dahinter der halbe Hofstaat: Berater, Schreiber, Dolmetscher, Verwaltungsbeamte.
Die Soldaten haben an der Mündung des Weges in den Platz Stellung bezogen. Nur noch wenige Meter, und der Großwesir wird sie erreichen. Da springt der Bärtige vor. Doch in dem Moment, in dem die Hand mit dem Dolch in die Höhe fahren will, läuft ein kleiner Junge zwischen den Beinen seiner Eltern vor ihn. Er stolpert und stürzt, und als er den Fall abfedern will, sieht jeder das Messer in seiner Hand.
Sofort ertönt ein lautes Geschrei aus der Menge, die zugleich ängstlich zurückweicht. Der Bärtige springt auf, aber hinter dem Großwesir sind zwei Soldaten hervorgetreten, die mit gesenkten Speeren auf ihn zulaufen. Die zurückgewichene Menge steht fest wie eine Wand, und als der Bärtige sich umwendet, kommen ihm weitere Soldaten entgegengelaufen.
Mit dem Mut der Verzweiflung stürzt er sich auf die beiden Männer, die den Großwesir schützen. Er weicht dem Speerstoß des ersten Soldaten aus und steht fast schon vor seinem Opfer, das wie angewurzelt stehen geblieben ist, als der zweite Soldat ihm seinen Speer mit voller Wucht in die Seite stößt.
Mit einem Stöhnen geht der Bärtige in die Knie. Doch noch einmal rafft er sich auf, taumelt auf den Großwesir zu, als ihn ein weiterer Speer mitten zwischen die Schulterblätter trifft.
Blutüberströmt bricht er zusammen.
Der Jüngere hat, wie die anderen Zuschauer auch, das Geschehen mit aufgerissenen Augen verfolgt. Doch dann gewinnt sein Training die Oberhand. Er sieht den Großwesir noch immer an seinem Platz verharren, während seine Soldaten um den Bärtigen geschart sind. Auch die Aufmerksamkeit der Zuschauer gilt für den Moment dem Kampfgetümmel.
Er windet sich durch die Reihen der Gaffer, bis er direkt neben dem Großwesir steht. Die Sänftenträger haben ihr Gestell abgesetzt, das jetzt dem Hofstaat den Weg versperrt.
Der junge Attentäter holt noch einmal tief Luft. Dann zieht er mit einer schnellen Bewegung seinen Dolch unter dem Umhang hervor, springt vor den Großwesir, und bevor der Mann begreift, was geschieht, stößt er ihm mit voller Kraft das Messer ins Herz. Der Großwesir taumelt zurück und greift sich an die Brust, so als wolle er den hervorsprudelnden Blutstrom aufhalten. Er macht noch einen Schritt nach vorn und stürzt vornüber.
Sein Mörder hat den Dolch bereits wieder unter seiner Kleidung verschwinden lassen und ist in der Menge auf der anderen Straßenseite untergetaucht. Nur ein paar Gaffer haben seine Tat gesehen und stoßen laute Rufe aus, ihn aufzuhalten. Um mögliche Verfolger zu verwirren, schreit der Mörder selbst „Der Großwesir! Sie haben den Großwesir getötet!“ und gestikuliert mit den Armen. Sofort wogt die Menge an ihm vorbei zu dem neuen Spektakel, und er kann unbehelligt in der letzten Seitengasse vor dem Platz untertauchen.
Eine halbe Stunde später liegt die Stadt hinter ihm. Zur Vorsicht geht er von der Straße ab und läuft quer durchs Gelände, bis er am Abend einen Weiler mit einem Dutzend Häuser erreicht. Er umrundet den Ort und betritt ihn von der gegenüberliegenden Seite. Ein Bauer gewährt ihm Nahrung und Nachtlager. Noch vor Sonnenaufgang verlässt er den Flecken wieder, so als habe er gespürt, dass wenige Stunden später eine Abteilung Soldaten einreitet, die nach der Durchreise verdächtiger Personen fragen. Doch der Bauer kann nur von einem Studenten berichten, der auf dem Weg in die Stadt war, und das interessiert die Soldaten nicht.
Als der Mörder nach drei Wochen in seine Heimat zurückkehrt, hat man die Suche aufgegeben.
Als Junge ist er gegangen.
Jetzt kommt er als Mann heim.

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